Ziemlich genau vor einem Jahr, im März 2020, wurden die Auswirkungen der COVID-19 Pandemie zum ersten Mal richtig deutlich: Schulen und Kinderbetreuungseinrichtungen wurden geschlossen, Betriebe und Unternehmen stellten auf Homeoffice und Kurzarbeit um, das Haus sollte nur noch in dringenden Fällen verlassen werden. Familien waren auf einmal die gesamte Zeit des Tages zusammen, Eltern wurden – neben Haushalt und Beruf – plötzlich zu Lehrenden. Durch mögliche Kurzarbeit oder Jobverlust sind zudem finanzielle Belastungen entstanden oder bereits bestehende Belastungen wurden dadurch verschärft.

Das Institut für Early Life Care der Paracelsus Medizinischen Privatuniversität Salzburg stellte sich deshalb die Frage, wie es den Familien im Lockdown geht und wie Familiensysteme den neuen Herausforderungen gut begegnen können. An der begleitenden Online-Studie im April 2020 beteiligten sich 651 Familien aus dem deutschsprachigen Raum. Sie wurden nach ihren subjektiv empfundenen Belastungen sowie deren psychischen Auswirkungen befragt. Gleichzeitig wurde erhoben, welche Mechanismen den Familien im Lockdown helfen, um ein gutes Familienfunktionsniveau aufrechtzuerhalten.

Von welchen Schwierigkeiten berichten die Familien?
Die Auswertungen der Daten haben gezeigt, dass die familienbezogene Lebensqualität bei den Familien niedriger war, die gleichzeitig mehr aktuelle Stressbelastung z.B. durch die finanzielle Situation, Wohnraum oder Partnerschaft erlebten. Gleichzeitig zeigten die Eltern dieser Familien mehr psychische und körperliche Stresssymptome wie Kopfschmerzen, Schlafprobleme oder Erschöpfung. Kann eine Belastungssituation auch gut ausgeglichen werden, so wirkten sich multiple Belastungen sehr negativ auf die subjektiv empfundene Lebensqualität aus.

Was hat den Familien geholfen?
Erlebte das Familiensystem die potentiellen Stressoren der Corona-Krise als lösbare Herausforderungen, wirkt sich dies positiv auf die empfundene Lebensqualität und die psychische Gesundheit aus. Gleiches galt für die Familien, die wussten, dass sie Hilfe aus ihren sozialen Netzwerken bekommen würden, sofern sie welche brauchen sollten, unabhängig davon, ob sie tatsächlich welche erhalten hatten. Das stärkt das Familiensystem insgesamt.

Zudem hat sich in der bisherigen Forschung gezeigt, dass die Mentalisierungsfähigkeit der Eltern – also die Fähigkeit, sensibel aufeinander zu achten und sich in seine eigenen, als auch die Gedanken und Gefühle seines Kindes einfühlen zu können – eine gesunde sozioemotionale, sowie eine sichere Bindungsentwicklung für das Kind begünstigt. Dieser Zusammenhang zeigte sich auch in der Corona Studie: eine hohe elterliche Mentalisierungsfähigkeit stellte sich als wertvolle Ressource für das Wohlbefinden des Familiensystems dar.

Welche Ergebnisse haben überrascht?
Zunächst einmal zeigte sich – wie zu erwarten – ein Anstieg im Medienkonsum der Kinder aller Altersstufen, als auch bei den Eltern. Überraschenderweise konnte dabei die Begleitung des Medienkonsums sogar mit vielen positiven Auswirkungen in Zusammenhang gebracht werden: So konnte man in den Familien, in denen der Gebrauch von Medien durch die Eltern begleitet wurde, weniger Konflikte beobachten, die Eltern waren zufriedener mit der Mediennutzung ihres Kindes und die familienbezogene Lebensqualität war höher. Bemerkenswert war zudem, dass diese positiven Zusammenhänge nicht gefunden wurden, wenn der Medienkonsum des Kindes nur durch Regeln gesteuert wurde. Das heißt: Medien in der Familie gemeinsam zu nutzen, Inhalte auszuwählen und nach zu besprechen, kann sich durchaus positiv auf die ganze Familie auswirken und in der Krise den Zusammenhalt stärken. Die Ergebnisse der Elternbefragung zeigen, dass verschiedene Faktoren dem Familiensystem helfen können, gestärkt aus der Krise hervorzugehen. Die gesammelten Ergebnisse gibt es in einer Broschüre zum Download.

Neugierig geworden?
Das Team rund um die Corona-Studie wird auf der 2. Early Life Care Konferenz online vom 13. und 14. Mai in dem Workshop „Familiäre Resilienzfaktoren in globalen Krisen – Was hilft Familien im Umgang mit COVID-19?“ neben aktuellen Anwendungshilfen für Familien auch erstmals die Ergebnisse zu kindlichen Verhaltensauffälligkeiten während der Krise präsentieren. Die interdisziplinäre und internationale Konferenz steht heuer ganz unter dem Motto „Kindliche Entwicklung zwischen Ur-Angst und Ur-Vertrauen“ und richtet sich an Fachpersonal und Interessierte rund um Schwangerschaft, Geburt und Elternschaft.

Informationen und Anmeldung zur ELC-Konferenz

YouTube-Playlist zu den Vortragsthemen