„Wie die meisten medizinischen Verfahren können Früherkennungsuntersuchungen nicht nur Chancen sondern auch Risiken mit sich bringen. Dies rückt zunehmend in das Bewusstsein der Bevölkerung.“ erklärt Univ.-Prof. Dr. Uwe Siebert, Leiter des Departments für Public Health, Versorgungsforschung und Health Technology Assessment an der UMIT. Ein wesentliches Risiko der Prostatakarzinomfrüherkennung besteht in der Überdiagnose und Übertherapie. Darunter versteht man die Diagnose und Behandlung von klinisch unbedeutenden Tumoren, die zu Lebzeiten keine Beschwerden verursachen und ohne eine gezielte Früherkennungsuntersuchung nicht entdeckt werden.

Derzeit existiert leider noch keine zuverlässige Methode, um klinisch unbedeutende von klinisch relevanten Tumoren zu unterscheiden. Infolgedessen kann es vorkommen, dass auch klinisch unbedeutende Tumoren behandelt werden, was die betroffenen Patienten unnötigen und leider nicht seltenen Langzeitkomplikationen wie Impotenz, Inkontinenz und Darmbeschwerden aussetzten kann. Das von den Forschern im Rahmen eines Oncotyrol-Forschungsprojekts für personalisierte Medizin entwickelte Simulationsmodell errechnet die positiven und negativen Auswirkungen der Früherkennungsuntersuchung auf die Lebenszeit und Lebensqualität der teilnehmenden Männer und analysiert unter welchen Gegebenheiten der mögliche Schaden der Früherkennungsuntersuchung den möglichen Nutzen überwiegt. Projektkoordinator Ass.-Prof. Dr. Nikolai Mühlberger fasst die Studienerkenntnisse wie folgt zusammen: „Die Ergebnisse unserer Studie weisen darauf hin, dass die Teilnahme an den Früherkennungsuntersuchungen das Risiko an Prostatakarzinom zu versterben verringert und die Lebenserwartung der an der Untersuchung teilnehmenden Männer verlängert. Bei gleichzeitiger Berücksichtigung der Auswirkungen der Früherkennungsuntersuchung auf die Lebensqualität ergibt sich allerdings, dass vorwiegend Männer mit einem erhöhten familiären Prostatakarzinomrisiko von der Früherkennung profitieren, während bei Männern mit durchschnittlichem Risiko der Gesamtschaden durch die Früherkennung überwiegen kann. Darüber hinaus ergab unsere Modellrechnung, dass der Nutzen der Früherkennung bei Männern mit erhöhtem Risiko auch sehr stark von ihrer eigenen Bewertung der möglichen behandlungsbedingten Nebenwirkungen abhängt.“

Die ungünstige Nutzen-Schaden-Bilanz der Früherkennungsuntersuchung bei Männern mit nicht erhöhtem Prostatakarzinomrisiko begründet sich vor allem durch ein höheres Risiko der Überdiaganose in dieser Gruppe. Nach Schätzungen der Studie würden bis zu 8 von 10 durch die Früherkennungsuntersuchung entdeckte Tumoren zu Lebzeiten keine Beschwerden verursachen, wogegen das Verhältnis bei Männern mit erhöhten familiären Risiko bei 6 von 10 liegt. „Das Dilemma ist, dass man unmöglich vorhersagen kann ob es sich bei einer Tumordiagnose um einen Fall von Überdiagnose handelt oder nicht. Bei der Früherkennungsuntersuchung diagnostizierte Männer müssen sich also bewusst für oder gegen eine in ihrem Fall möglicherweise unnötige und risikobehaftete Behandlung entscheiden. Diese Entscheidung sollte nur in Kenntnis der potentiellen Chancen und Risiken getroffen werden.“, betont Ass. Prof. Dr. Nikolai Mühlberger.

Ein zunehmend propagierter Ansatz zur Verringerung unnötiger Behandlungsrisiken ist die sogenannte „aktive Beobachtung“ bei der in einem Frühstadium entdeckte Tumoren zunächst nur beobachtet und erst bei festgestelltem Fortschreiten behandelt werden. Auch dieser Ansatz wurde in Rahmen der aktuellen Simulationsstudie analysiert. Dabei konnte gezeigt werden, dass aktive Beobachtung durchaus auch zu einer Verschlechterung des Nutzens der Früherkennung beitragen kann, insbesondere wenn notwendige Behandlungen über ein bestimmtes Maß hinausgeschoben werden. Demzufolge erfordert auch aktive Beobachtung ein risikoadaptiertes Vorgehen und eine sorgfältige Wahl der Kriterien für den Behandlungsbeginn.

Die urologischen Experten im Forschungsteam, Univ.-Prof. Dr. Wolfgang Horninger und Univ.-Prof. Dr. Helmut Klocker, sehen in der Studie einen wichtigen Beitrag zum bedachteren Einsatz der Prostatakarzinomfrüherkennung. Univ.-Prof. Dr. Wolfgang Horninger, der Leiter der Abteilung für Urologie an der Medizinischen Universität Innsbruck erklärt: „Die Studie verdeutlicht das Problem der Überdiagnose und zeigt die Abhängigkeit des Nutzens der Prostatakarzinomfrüherkennungsuntersuchung von persönlichen Risikofaktoren und Bewertungen. Sie leistet damit einen Beitrag zur Verbesserung der Patientenaufklärung und dem gezielteren Einsatz der Früherkennungsuntersuchung, die uns allen am Herzen liegt.“